botanische Namen

Wozu Botanische Namen?

Mit den botanischen Pflanzennamen stehen viele Leute auf Kriegsfuß. Sie betrachten diese Namen als unverständlich, schwer auszusprechen, absolut unmöglich zu merken und eigentlich unnötig. Wieso kann man nicht einfach die deutschen Namen der Pflanzen verwenden?

Deutsche Pflanzennamen sind nicht eindeutig

Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, dann müssen sie sich stillschweigend vorher geeinigt haben was ihre Worte bedeuten. In den meisten Fällen ist das klar: 'Tisch' bedeutet überall 'Tisch', 'Stuhl' bedeutet überall 'Stuhl'. Solche Worte werden überall im deutschen Sprachraum gleich verwendet, denn es sind wichtige Begriffe des Alltags. Mit Pflanzennamen ist das aber anders, denn es besteht nicht oft die Notwendigkeit sich über Pflanzen bis ins Detail zu unterhalten. Die allermeisten Pflanzennamen werden daher nur lokal verwendet, und deswegen gibt es für einheimische Pflanzen meistens eine ganze Reihe deutscher Namen. Je bekannter eine Pflanze ist, desto mehr deutsche Namen existieren für sie. Wir haben einmal gezählt wie viele Namen wir in unserer Familie für Primula veris kennen. Es waren:






Himmelsschlüssel
Schlüsselblume
Primel
Blattenilge
Gaggeila
Badengala

Die ersten drei sind allgemein bekannt, die drei letzten nur im Allgäu. Die drei ersten haben den Nachteil, dass es nur allgemeine Namen sind. Mit ihnen wird jede Primula bezeichnet, nicht nur Primula veris. Diesen Nachteil haben die drei Allgäuer Namen nicht, dafür werden sie aber nur ganz regional verstanden. Keinen dieser sechs Namen könnten wir also in unserem Shop verwenden, wenn wir sicherstellen wollen, dass Sie auch genau die Pflanze bestellen, die Sie haben möchten.


Manchmal wird der gleiche deutsche Name auch für ganz verschiedene Pflanzen verwendet. Eine ‚Butterblume’ kann ein Ranunculus sein (ganz egal welche Art), eine Caltha palustris oder sogar Taraxacum officinale. Regional kommen bestimmt noch andere Pflanzen dazu, die als ‚Butterblume’ bezeichnet werden.

Die meisten Pflanzen haben nicht einmal deutsche Namen. Für Pflanzen aus anderen Erdteilen leuchtet das sofort ein, denn diese Pflanzen waren meistens bis vor kurzem bei uns nicht bekannt. Aber auch heimische Pflanzen tragen oft keinen deutschen Namen, da sie für die Bevölkerung keine Bedeutung hatten. Es ist eine Legende, dass die Menschen sich bei uns früher besser mit den Pflanzen auskannten. Das Gegenteil ist richtig. Bekannt waren nur die Nutzpflanzen, für die wilden Pflanzen interessierte sich kaum jemand.

Wenn es schon keine eindeutigen deutsche Pflanzennamen gibt, dann wird die Situation noch einmal komplizierter wenn man den eigenen Sprachraum verlässt. Wie soll ein deutscher Gärtner wissen welche Pflanze er bekommt, wenn er bei einer italienischen Gärtnerei Pflanzen nach italienischen Namen bestellt? Wie können ein brasilianischer und ein indonesischer Botaniker sicher sein, dass sie über die gleiche Pflanze sprechen?


Die binäre Nomenklatur

Aus allen diesen Gründen wurde das System der botanischen Pflanzennamen geschaffen. Der Erfinder ist Carl von Linné, ein schwedischer Wissenschaftler aus dem 18. Jahrhundert. Er schuf die ‚binäre Nomenklatur’, die jedem Tier und jeder Pflanze einen eindeutigen Namen zuweist.

Vereinfacht gesagt erhält in diesem System jede Pflanze einen Vor- und einen Familiennamen. Miteinander nah verwandte Arten tragen natürlich den gleichen ‚Familiennamen’. Wenn man ihn kennt, dann hat man schon eine gewisse Vorstellung wie die Pflanze aussieht.





Pflanzen stellen sich vor wie es sonst nur die Bayern und die Ungarn machen: sie nennen zuerst ihren Familiennamen und dann ihren Vornamen.

Also:






Weiß Ferdl – und nicht Ferdl Weiß






Molnár Ferenc – und nicht Ferenc Molnár






Primula veris – und nicht veris Primula


Die Gattung

Statt ‚Familienname’ sagt man in der Botanik ‚Gattungsname’. Alle Mitglieder einer Gattung haben gemeinsame Kennzeichen, so wie die Mitglieder einer Familie einander auch ähnlich sind. Die Gattungsname sind meistens lateinische oder griechische Begriffe. Manchmal sind es Begriffe, die sich selbst erklären wie ‚Campanula’ (‚Glöckchen’) für die Gattung der Glockenblumen, manchmal antike Pflanzennamen wie ‚Gentiana’ (die Gattung der Enziane), und manchmal werden damit Personen geehrt wie bei ‚Fuchsia’, (‚Fuchsie’), die nach dem Botaniker Leonhard Fuchs benannt wurde.

Die Art

Statt ‚Vorname’ sagt man in der Botanik ‚Epitheton’. Zusammen mit dem Gattungsnamen legt es die Pflanzenart eindeutig fest. Gattungsname und Epitheton sind meistens lateinische Begriffe und haben immer lateinische Endungen. Für Lateiner: das Epitheton ist das Adjektiv, es muss in Genus und Numerus mit dem Gattungsnamen übereinstimmen. In unserem Beispiel setzt sich der Artname Primula veris zusammen aus: ‚Primula’ = ‚Schlüsselblume’ – und ‚veris’ = ‚wahr, echt’.

Das Epitheton

Am Epitheton kann man einiges ablesen, auch wenn man kein Latein versteht. Es ist nur nötig einige Begriffe zu lernen, die immer wieder bei Pflanzennamen vorkommen. Das Epitheton ‚officinalis’ = ‚aus der Apotheke’ z.B. weist immer auf eine Heilpflanze hin. Oft gibt das Epitheton die Herkunft der Pflanze an. Primula japonica ist eine Schlüsselblume aus Japan, Primula tibetica ist eine Schlüsselblume aus Tibet. Sehr oft haben solche Herkunftsbezeichnungen die Endung –ensis. Iris missouriensis = Iris aus Missouri (eine Schwertlilie).

Sehr oft sagt das Epitheton etwas über den natürlichen Standort der Pflanze aus:

aquaticus = im Wasser lebend
lacustris = im See lebend
maritimus = am Meer lebend
palustris = im Sumpf lebend
pratensis = auf Wiesen lebend
rivalis = am Bach lebend

Manchmal vergleicht das Epitheton die Pflanze mit einer anderen Pflanze, der sie ähnlich sieht. In diesem Fall bekommt es die Endung –oides (= ähnlich):

aloides = ähnlich einer Aloe (Stratiotes aloides)

Das Epitheton kann aber auch nur einfach das wichtigste Merkmal der Pflanze beschreiben:

giganteus = riesig
gracilis = zierlich
grandis = groß
longus = lang
maximus = der größte
minimus = der kleinste
odoratus = duftend
superbus = prächtig
undulatus = gewellt

Ganz wichtig sind auch Farbangaben, sie können sich sowohl auf die Blütenfarbe als auch auf die Blattfärbung beziehen:

albus = weiß
aurantiacus = golden
azureus = himmelblau
caesius = blaugrau
carneus = fleischfarben, hellrosa
citrinus = zitronengelb
coccineus = scharlachrot
coeruleus = blau
flavus = gelb
fuscus = braun
glaucus = blaugrün
luteus = gelb
niger = schwarz
niveus = schneeweiß
purpureus = purpurrot
roseus = rosa
ruber = rot
sanguineus = blutrot
violaceus = violett
viridis = grün

manchmal bekommt so eine Farbbezeichnung die Endung –escens, das bedeutet dann, dass sich die Pflanze in diese Richtung verfärbt:

flavesens = gelb werdend
rubescens = rot werdend

Es gibt aber auch manches Epitheton aus dem man keine Information über die Pflanze erhält. Das sind dann in der Regel gewidmete Namen. Vor allem die früheren Botaniker haben gern andere Botaniker (oder manchmal sogar sich selbst) geehrt indem sie den Namen des Geehrten als Epitheton verwendeten:

fuchsii = nach Leonhard Fuchs benannt
sieboldii = nach Philipp Franz von Seibold benannt
thunbergii = nach Carl Peter Thunberg benannt

Nicht immer fühlen sich die Geehrten dann auch wirklich geehrt. So wurden im Jahr 2005 drei neue Käfer entdeckt und wissenschaftlich benannt:

Agathidium bushi
Agathidium cheneyi
Agathidium rumsfeldi

Es handelt sich um drei Mistkäfer, und sie wurden benannt zu Ehren von Präsident George W. Bush, Vizepräsiden Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld.


Zum Schluss noch ein paar formale Dinge: im binären System werden die Namen immer kursiv geschrieben. Der Gattungsname hat einen großen Anfangsbuchstaben, das Epitheton einen kleinen Anfangsbuchstaben. Nach dem Epitheton folgt in Kapitälchen ein Kürzel das Auskunft gibt über denjenigen, der die Art benannt hat. L. steht z.B. für Linné. Gärtnereien lassen dieses Kürzel meistens weg, obwohl es Bestandteil des offiziellen Namens ist. Unsere Beispielpflanze heißt ganz korrekt geschrieben:

Primula veris L.
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